Dick läuft nicht (oder hier läuft was falsch)

Rennschnecke hat die Tage einen Bericht geschrieben, der die Bloglandschaft aufrüttelte. Bei einem Triathlon, ob ihrer Figur und des Gewichtes, gab es vom Streckenrand fiese Kommentare. Wenn sich mit Laufen mit viel Gewicht jemand auskennt, dann bin es vermutlich ich, denn selbst zu meinen besten Zeiten hatte ich locker mal 20 Kilo zu viel auf den Rippen, auch wenn das schon echt schlank aussah. Daher erlaube ich mir mal das Thema von meiner Seite zu betrachten.

Es war 2011 – ich hatte seinerzeit von 170 auf unter hundert Kilo abgenommen – wo ich im Zielbereich des Werramans stand. Neben mir zwei Männer, beide weit über 60, beide hätten die Rolle von Waldorf und Stattler aus der Muppet Show perfekt ausfüllen können. Über jeden wurde gelästert, selbst über den jungen Mann, der später den Wettbewerb gewann, aber genauso über Lieschen Müller die sich in der Staffel als Läuferin abmühte, aber ein paar Kilo Wellfleisch zu viel um die Gürtellinie hatte.

Danach gefragt, ob diese den selbst Sport betreiben würden, weil sie doch so viel Ahnung hätten. „Das letzte Mal Sport? In der Schule…“ Ah ja, das musste dann so 40, 50 Jahre her sein. In meinem Kopf formte sich ein „Wenn Du keine Ahnung hast, dann einfach mal die Fresse halten.“ Zusammen, was ich dann doch nicht aussprach. Musste ich auch nicht. Waldorf und Stattler gingen… 100 m weiter setzten sich bei der Gaststätte hin und bestellten ein Bier.

So wie zu den WM’s, Europameisterschaften oder Olympiaden Deutschland plötzlich aus knapp 80 Millionen Fußballtrainern und Sportspezialisten besteht, so dünn ist doch das Wissen, was oft dahintersteckt. Kratzt man an der Oberfläche steckt dann oft doch nur heiße Luft dahinter. Aber auch diese heiße Luft kann Menschen verletzen.

Unter Sportlern habe ich das in dieser Form nur selten erlebt. Hier in der Region gab es nur einmal derbe Sprüche von einem Sportler. Was mich aber mehr getroffen hatte, war als dieser von anderen Sportlern hinter dessen Rücken und in dessen Abwesenheit als Bleiente beim Schwimmen bezeichnet wurde und es hieß „er würde es ja doch nicht mehr lernen.“ Derbes Gelächter von den Leuten, wo ich das so nicht erwartet hätte. Stellt sich mir die Frage: Ob das sich die Herren auch getraut hätten, wenn der Betroffene anwesend gewesen wäre? Ich glaube nicht, denn so viel Mut haben Charakterschweine eher selten und wenn auch nur, wenn diese im Rudel sind.

Ich habe mir in den letzten Jahren ziemlich viel Respekt erarbeitet. Trotz meiner Probleme bin ich immer noch da, ich laufe immer noch. Mache immer noch Sport. Kämpfe weiter Gegen das Gewicht und auch gegen Krankheit. „Wer stehen bleibt hat schon verloren!“ Was ich aber auch sagen muss, schnell wird man wegen seines Aussehens und seiner Statur unterschätzt.

Bei einem Volkslauf in Heckershausen verabschiedete sich ein Läufer aus dem Mainzer Raum, mit der Begründung er wolle etwas schneller Laufen. Mein Tempo war ihm wohl zu niedrig. Ich fasste das wie ein „Du kannst ja nicht schneller“ auf, war beleidigt und blieb dran. Ich war sogar so dreist und fing ob des Tempos noch einen Refrain des Liedes „Irish Rover“ zu singen. Das passierte eigentlich nur um mich von dem was ich da machte abzulenken. Ich war vom Tempo wirklich am oberen Limit, der andere aber auch. Im Ziel wurden wir zeitgleich gewertet und beim obligatorischen Bratwurstessen, kam der Mainzer auf mich zu und meinte: „Das hätte ich Dir echt nicht zugetraut!“

Ein Jahr später, es war auch in Heckershausen lief ich vor einem ortsansässsigen Läufer einen 10er. Es waren noch etwa 800 m bis zum Ziel bis auf einer langen Gerate jemand am Straßenrand, dem Läufer hinter mir zurief „Den Dicken da bekommst Du noch“. Pah. Die Strecke geht irgendwann links rein, eine Treppe runter, wo ich nicht mal mehr die Stufen nahm und als ich durchs Ziel lief, war mein Hintermann gerade mal die Treppe zur Zielgeraden heruntergekommen.

In Breitenbach führte mich eine ähnliche Situation zu meiner Bestzeit über 5 Kilometer. Ein „Der da vor uns kann nicht mehr…“ kurz nach der Wendemarke führte zu einem 2,5 Kilometer langen Schlussspurt und meiner ersten offiziellen SUB30.

Das man nicht immer sieht was der andere kann, lernte ich auch bei Lauftreffs. Neue, orientierten sich gerne an dem „Dicken“ „Gemütlichen“. Wenn ich dann darauf aufmerksam machte, dass das ein Fehler sein könnte, und was ich so laufe, war die Kinnlade meist kurz vor dem Erdboden. Das merkt man dir gar nicht an. Ja, man merkt sowas nicht so schnell, wenn man in einer Gruppe läuft und der Gemütliche mal hinten, mal vorne unterwegs ist, mag sein.

Aber auch Ärzte verschätzen sich schnell. Meine Hausärztin nahm mein „Ich bin Läufer“ nicht ernst, verstellte meine Blutdruckmedikation, so das ernsthafter Sport zeitweilig nicht möglich war. Sie hatte einfach nicht gepeilt, dass ich unterlaufen, das nach einem Startschuss laufen als ob es ums Leben geht, bis man irgendwann Glücklich aber kaputt eine Ziellinie überschreitet, verstehe. Für mich war das ein Glücksfall. Ich habe so meinen neuen Kardiologen kennengelernt, selbst ein erfahrener Marathoni.
Mein Lungenarzt als dieser mein Asthma diagnostizierte, guckte auch erst schräg, als ich ihm sagte, dass ich laufe, das ich zum Marathon will. Ich zückte mein Handy, wo man ein Foto vom Zieleinlauf beim Halbmarathon in Dresden sah und ich sagte: „Da will ich wieder hin!“

Nein, wenn jemand starkes Übergewicht hatte, sieht man diesen auch nicht unmittelbar an, zu was diese Menschen fähig sind. Allein um dahin zu kommen, abzunehmen, wieder Sport zu treiben gehört eine riesige Leistung, die ihren Respekt verdient. Bei manchen kommt der Trainingseinsatz den diese vermeintlich Dicken haben, vom Umfang und Dauer – auch wenn auf einem anderen Niveau trainiert wird – dem eines Semiprofis gleich. Etwas, was manch ein Couchpotato nicht hinbekommen würde.
Ich habe mir mittlerweile eine recht dicke Haut antrainiert und auch einen Background an sportlichen Freunden welche Wissen, was ich mache und unter welchen Voraussetzungen ich unterwegs bin. Von daher prallt in der Beziehung das meiste an mir ab oder um es mit Udo Lindenberg zu sagen: „Ich mache mein Ding.“

Aber am Ende bleibt eins: Egal ob Dick oder Dünn, Schnell oder Langsam – alles sind Menschen mit Gefühlen und auf denen sollte man nicht herumtrampeln.

Noch ein persönliches Wort: Ich finde es schade, das solche unbedachten Äußerungen, wie Rennschnecke sie abkommen hat, heute noch fallen. Es zeigt nur, das es leider immer noch Menschen gibt, die mit Begriffen wie Respekt und Tolleranz nicht viel anfangen können.

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